Wie Hypnose bei Neurodermitis hilft: Studien und Erfahrungen

Hypnose bei Neurodermitis? Hört man sich in Foren und Selbsthilfegruppen um, so gibt es nur selten Erfahrungsberichte von Neurodermitikern mit therapeutischer Hypnose. Dabei haben neuere Studien ergeben, dass Hypnose eine wirkungsvolle Alternative zur konventionellen Behandlung darstellt. Sowohl Senser als auch Latham (beide 2001) stellten in ihren Studien signifikante Verbesserungen fest – sowohl des „objektiven Hautzustandes“ (des so genannten „SCORAD“), als auch des subjektiven Befindens im Alltag. 

Die Fakten: Beide Untersuchungen fußen auf 33 untersuchten Patienten mit atopischer Dermatitis. Sie wurden per Zufall je einer Gruppe zugeteilt: Behandlung durch Hypnose oder keine Behandlung, sprich Kontrollgruppe (sie wanderten unbehandelt auf eine „Warteliste“).

Der Behandlungszeitraum betrug drei Monate; in dieser Zeit wurden zwölf je einstündige, individuelle Therapiesitzungen mit den Patienten der Hypnosegruppe vorgenommen.

Die Ergebnisse: In der (unbehandelten) Kontrollgruppe verschlechterte sich der Hautzustand auf dem SCORAD-Index von 28 auf 38 Punkte (103 ist als Maximum der schlechteste Hautzustand).

In der Hypnosegruppe verbesserte sich im selben Zeitraum der Hautzustand von 33 Punkten auf knapp unter 20 Punkte.

Das entspricht einer „signifikanten“ Verbesserung bei 86,7 Prozent der Hypnose-Patienten, während sich der Zustand bei 89 Prozent der Kontroll-Patienten verschlechterte.

Auch die subjektiv empfundene Beeinträchtigung des Lebens durch die Erkrankung haben die Forscher gemessen, und zwar mit Hilfe des „Dermatology Life Quality Index“ (DLQI).

Am Ausgangspunkt der Behandlung gaben beide Gruppen einen Wert von „10“ auf der Skala an, was dem Eindruck einer „deutlichen Beeinträchtigung“ entsprach. Nach drei Monaten fühlten sich die Hypnose-Patienten nur noch „wenig beeinträchtigt“ (minus 6 DLQI-Punkte), bei der unbehandelten Kontrollgruppe jedoch stieg der Wert um drei Punkte auf „sehr beeinträchtigt“.

Neben diesen Studien gibt es positive Einzelerfahrungen aus der hypnosetherapeutischen Praxis. 
Folgende Erfahrungen lassen sich auf der Grundlage von 24 mit Hypnose behandelten Patienten bis 35 Jahre und 21 Patienten über 35 Jahre zusammenfassen:

Kinder ab sieben Jahren und Jugendliche sprechen am besten auf die Hypnotherapie an, hier beobachten wir erhebliche Verbesserungen des (objektiven) Hautzustandes bei annähernd allen jüngeren Patienten (auch relativ jungen Erwachsenen bis ca. 35 Jahre). Die meisten (22 von 24) sprechen davon, subjektiv überhaupt nicht mehr beeinträchtigt zu sein bzw. mit einer dann geübten Selbsthypnose einzelne „Schübe“ sehr gut abfangen zu können.

bei älteren Erwachsenen hängt der Erfolg stark von ihrer Fähigkeit zur Visualisierung ab. Bei guter Visualisierungsfähigkeit sind die Ergebnisse ähnlich günstig wie bei der jüngeren Patientengruppe.

Warum wirkt Hypnose so gut bei Neurodermitis und Allergien?
 Neurodermitis und Allergien haben komplexe Ursachen aus Umwelt und Veranlagung, die auf das vegetative System im Allgemeinen und auf das Immun- und Hormonsystem im Besonderen wirken. Diese Systeme werden in einem bestimmten Bereich des menschlichen Gehirns reguliert, dem „limbischen System“. Mit Hilfe der Hypnose ist es möglich, das limbische System anzusprechen.

Zudem gehören Neurodermitiker fast immer zur Gruppe der sogenannten „Hochsensiblen“ (Buchtipp: Georg Parlow „Zart besaitet“, sowie die Veröffentlichungen von Elaine Aron). Hochsensible (15 – 20 Prozent der Gesamtbevölkerung) verarbeiten Umweltreize ungefiltert im Vergleich zu „Normalsensiblen“ – so ist vermutlich auch die Häufung von Neurodermitis bei dieser Personengruppe zu erklären.

Ob Hypnose wirkt, bemerken die Patienten oft bereits nach der ersten oder zweiten, spätestens dritten Sitzung. Ein erfahrener Hypnosetherapeut wird mit zwei Strategien vorgehen:

1. akute Schübe wird er symptomatisch bearbeiten, durch die Suggestion einer Schutzmembran oder durch Desensibilisierung (wenn Ärzte der Uniklinik Lüttich täglich Patienten mit Hypnose anästhesieren, für mehrstündige Unterleibs-OPs dann ist die hypnotische Verringerung des Juckreizes ebenso möglich).

2. die generelle Disposition zu dieser Erkrankung wird er mit Hilfe der Schaltzentralen-Technik oder per Rückführung „umprogrammieren“, womit gemeint ist, dass er im Unterbewusstsein so etwas wie die „Blaupause unserer Gesundheit“ anspricht und damit Prozesse in den Gang setzt, die diesem Plan, dieser „Blaupause“ Richtung Heilung folgen.

Wie das genau funktioniert, konnte wissenschaftlich bislang nicht vollständig erklärt werden (Buchtipp hierzu die Veröffentlichungen des preisgekrönten Wissenschaftsjournalisten Joachim Faulstich).

Obwohl viele Menschen alle möglichen Anlagen in sich tragen, kommen diese nicht immer zum Ausbruch, und das gilt wohl auch für Neurodermitis: Es bedarf, neben der grundsätzlichen Veranlagung, eines zusätzlichen Auslösers.

Dieser Auslöser kann alles Mögliche sein: Ein Unfall, eine psychische Belastung, ein Trauerfall, ein Schreck-Erlebnis, das Wohnen im Ruhrgebiet zur Zeit, als dort noch die Stahlwerke glühten, der Verlust des Lieblingsteddys, als Einjähriger eine Stunde allein im Zimmer, weil Eltern einkaufen, eine komplizierte Geburt – was auch immer. Die meisten von uns werden nicht wissen, warum was ausgelöst worden ist. Dieses Wissen ist unserem Bewusstsein kaum zugänglich. Allerdings ist es im Unterbewusstsein vorhanden.

Hier kommen die Möglichkeiten der Hypnose ins Spiel:
 Im Gegensatz z. B. zu autogenem Training, Yoga, Meditation (die alle mit demselben hypnotischen Zustand der „entspannten Trance“ arbeiten und darum den ersten Schritt zur Hilfe bei ND darstellen), bietet Hypnose als Technik – über die Entspannung hinaus – einige Schritte mehr: Nämlich ein über Jahrhunderte entwickeltes Instrumentarium, in dem Zustand der „Trance“ (in unterschiedlicher „Tiefe“) gezielt zu arbeiten.

Sicher ist es nicht möglich, per Hypnose unsere Gene umzuprogrammieren
, wohl aber ist es laut viele Hypnose-Praktiker wohl möglich, zum auslösenden Moment zurückzugehen – und diesen „umzuprogrammieren“ (auch wenn dieses Wort arg technisch klingt), das heißt, die Kettenreaktion, die dieser Moment einst auslöste, zu unterbrechen. Dies ist eine von mehreren „Interventionen“ (also Möglichkeiten, gezielt mit dem Unterbewussten zu arbeiten), die die Hypnose als Technik anbietet. Achtung: Dies ist ein Funktionsmodell.

Wie funktioniert das?
 Die rasante Entwicklung der Hirnforschung erlaubt folgendes, stark vereinfachtes Modell zu beschreiben: Jedes Bild, jede Impression, die wir durch unsere Erfahrung von Welt erhalten, wird in Neuronen gespeichert (das Bild von „Marilyn Monroe“ oder unserem Lieblingsteddy etc.). Neuronen bilden Netzwerke, so dass das Marilyn-Neuron mit anderen Neuronen via sogenannten „Neurotransmittern“ verknüpft ist, etwa mit Neuronen, die Gefühle auslösen können, und die wiederum sind verknüpft mit anderen Neuronen, die zu körperlichen Reaktionen führen.

So kann es passieren, dass ein Mann namens Bert beim Anblick von Marilyn Monroe sagen wir …. einen heftigen Schweißausbruch bekommt. Wäre ihm das aus irgendeinem Grunde peinlich, etwa, weil er ein Rendezvous mit ihr nächsten Donnerstag hat, könnte er zum Hypnosetherapeuten seines Vertrauens gehen und die Kettenreaktion, die das „Marilyn“-Neuron auslöst, unterbrechen lassen.

Günstig wäre dann eine Neuverknüpfung, sagen wir mit dem Neuron, das bei uns Gefühle von Selbstbewusstsein speichert. Und da auch unser Gehirn ein „Gewohnheitstier“ ist, müsste diese Neuverknüpfung geübt werden, sonst schnappen die Neuronenverknüpfungen wieder in die alten Trampelpfade zurück. Aber das ist dann nur eine Frage der regelmäßigen Wiederholung. Und bis Donnerstag hat Bert das auf die Reihe bekommen.

Im Prinzip funktioniert die Hypnose bei Neurodermits (und Allergien im Allgemeinen) ähnlich
: Zurück zum auslösenden Ereignis (Neuron A), unterbrechen der Kettenreaktion, die in Jucken und Hautverschlechterung mündet, Neuverknüpfen mit dem Neuron B, das, sagen wir, die Vorstellung von „glatte, geschmeidige Babyhaut“ enthält und dauerhaftes Fixieren durch anfangs regelmäßige Wiederholung in Selbsthypnose (oder, hat man genug Geld übrig, beim Hypnosetherapeuten).

Klingt das Beschriebene (wenngleich hypnosetechnisch anspruchsvoll, aber machbar) zu schön um wahr zu sein?
Der „Schönheitsfehler“: Das Verfahren hat nichts damit zu tun, irgendwo einen „Schalter“ umzulegen. Es ist, im Gegenteil, mit Arbeit verbunden: mit Arbeit des Therapeuten, und mit der (Mit-) Arbeit des Patienten.

Abschließend noch ein Tipp, hilfreich bei der Suche nach einer geeigneten Hypnosepraxis: Legen Sie Wert auf Leute, die sich auf Hypnose spezialisiert haben. Denn Hypnose ist ein Handwerk, das regelmäßig geübt sein will.